Ich erinnere mich noch an den ersten Nebeltag, den ich am Misurinasee erlebt habe. Es war Ende September, kurz vor sieben Uhr morgens, und vom Wasser stieg Dampf auf wie aus einem Kessel. Kein Mensch weit und breit, nur das Klappern eines Kuhglöckchens von der Alm oberhalb. In diesem Moment habe ich verstanden, warum Leute seit über hundert Jahren hierherkommen – und warum die meisten trotzdem zur falschen Zeit ankommen. Der Misurinasee liegt auf 1.754 Metern in der Provinz Belluno, umgeben von einigen der eindrucksvollsten Gipfel der Dolomiten, und ist einer der wenigen Orte, an dem man die Drei Zinnen von Lavaredo aus der Ferne sehen kann, ohne einen Schritt zu gehen.
Der See ist klein – knapp 2,6 Kilometer Umfang – aber genau diese Kompaktheit macht ihn besonders. Man umrundet ihn in einer guten Stunde zu Fuß, und dabei ändert sich die Perspektive auf die Berge ständig. Das ist keine Werbefloskel, das ist einfach Geometrie: Der See liegt in einem Talkessel, und je nachdem, wo man steht, schiebt sich mal der Sorapiss, mal der Cristallo ins Bild.
Was ist der Misurinasee? Lage und Fakten im Überblick
Der Misurinasee liegt in der Gemeinde Auronzo di Cadore, in der Provinz Belluno, Region Venetien – nicht in Südtirol, auch wenn ihn viele deutschsprachige Besucher dort vermuten. Das ist der erste Mythos, den ich gleich zu Beginn ausräume, weil ich die Frage seit Jahren mindestens einmal pro Woche höre.
Auf einen Blick:
- Höhenlage: 1.754 m ü. M. (manche Quellen nennen 1.756 m, die Differenz liegt an der Messmethode)
- Maximale Tiefe: rund 5 Meter
- Umfang: etwa 2,6 km
- Lage: Provinz Belluno, Venetien, Gemeinde Auronzo di Cadore
- Nächstgrößerer Ort: Auronzo di Cadore, etwa 14 km entfernt
- Nächste Stadt: Cortina d’Ampezzo, etwa 15 km entfernt
Der See gehört zum Naturpark der Dolomiten von Auronzo und Misurina und liegt an der wichtigen Verbindungsstraße zwischen Cortina d’Ampezzo und Toblach im Pustertal. Genau diese Lage macht ihn zu einem klassischen Zwischenstopp – was sowohl ein Vorteil als auch ein Problem ist, dazu komme ich später.

Geschichte und Entstehung des Misurinasees
Geologisch ist der Misurinasee ein Relikt der letzten Eiszeit. Vor rund 10.000 Jahren haben sich hier Gletschermassen zurückgezogen und eine Mulde hinterlassen, die sich mit Schmelzwasser füllte. Der Untergrund besteht größtenteils aus Dolomitgestein – daher auch der Name der ganzen Bergkette –, das im Kontakt mit Wasser eine besondere Färbung erzeugt: An klaren Tagen changiert der See zwischen Türkis und tiefem Blaugrün, je nach Sonnenstand und Wolkenlage.
Interessant ist auch die volkstümliche Erklärung, die man in jedem zweiten Prospekt findet: die Legende von den Tränen eines Königs. Der Sage nach soll der See aus den Tränen eines Bergkönigs entstanden sein, der um seine Tochter weinte. Ich erzähle diese Legende gerne bei Führungen, aber ich sage auch dazu: Das ist Folklore, keine Geologie. Was tatsächlich stimmt, ist die geologische Herkunft aus der letzten Kaltzeit – das ist keine Legende, das steht in jedem geologischen Kartenwerk der Region.

Das ehemalige Asthma-Institut am Misurinasee
Wenig bekannt, aber für mich einer der spannendsten Aspekte der Ortsgeschichte: Am Ufer des Misurinasees stand bis vor wenigen Jahren das „Istituto Pio XII“, ein Sanatorium, das speziell für die Behandlung von Asthma bei Kindern gebaut wurde. Die Höhenlage, die trockene Bergluft und das milde Mikroklima galten als ideal für Atemwegserkrankungen – ein Konzept, das in den 1950er- und 60er-Jahren in ganz Europa verbreitet war.
Das Gebäude ist heute größtenteils ungenutzt, teilweise verfällt es sichtbar. Wer am See spazieren geht, sieht die imposante Struktur am Nordufer – ein bisschen gespenstisch, ehrlich gesagt, wie ein stummer Zeuge einer Zeit, in der man an die heilende Kraft der Bergluft glaubte wie an Medizin. Es gibt Bestrebungen, das Areal zu revitalisieren, aber Stand heute ist es nicht zugänglich und sollte auch nicht betreten werden – der Zustand der Bausubstanz ist nicht ungefährlich.

Panorama und Bergkulisse: Drei Zinnen, Monte Cristallo und Co.
Der eigentliche Grund, warum der Misurinasee so oft fotografiert wird, ist die Kulisse. Vom Südufer aus sieht man bei klarer Sicht die markanten Zacken der Drei Zinnen von Lavaredo in der Ferne – nicht in Griffnähe, aber deutlich erkennbar. Wer die Zinnen aus der Nähe sehen will, muss zum Rifugio Auronzo weiterfahren, dazu weiter unten mehr.
Näher und dominanter ist der Monte Cristallo, der sich im Norden über den See erhebt, sowie die Gruppe des Sorapiss im Südwesten. Genau diese Kombination aus Wasseroberfläche und Dreitausendern macht den See so fotogen – und genau deshalb sollte man wissen, wann man kommt.
Für Fotografen: Das beste Licht gibt es am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, wenn das Wasser meist noch spiegelglatt ist, bevor der Wind aufkommt. Ab etwa neun, zehn Uhr kräuselt sich die Oberfläche durch thermische Aufwinde, und die Spiegelung der Berge verschwindet. Ich sage das aus Erfahrung, nicht aus einem Fotografie-Ratgeber: Wer den perfekten Spiegel-Shot will, muss vor acht Uhr da sein, idealerweise im Frühherbst, wenn die Luft trockener und klarer ist als im Hochsommer.
Aktivitäten am Misurinasee im Sommer
Baden kann man im Misurinasee nicht – oder besser gesagt, offiziell und ernsthaft macht das niemand. Das Wasser bleibt selbst im August selten über 15 Grad, und es gibt keine ausgewiesenen Badebereiche. Wer hier ein Bad wie im Pragser Wildsee oder in einem der Kärntner Seen erwartet, wird enttäuscht.
Was hingegen sehr gut funktioniert: Tretboot- und Ruderbootverleih direkt am Ufer, meist von Mai bis Oktober geöffnet, je nach Wetterlage. Eine Runde kostet üblicherweise zwischen 10 und 15 Euro für 30 Minuten – Preise, die sich von Saison zu Saison etwas ändern, deshalb verzichte ich hier auf feste Zahlen, die in einem Jahr schon wieder veraltet sind.
Der Uferweg rund um den See ist flach, kinderwagentauglich und in etwa einer Stunde zu bewältigen – perfekt für Familien, die keine große Bergtour wollen, sondern einfach die Aussicht genießen möchten. Von hier aus starten auch anspruchsvollere Routen, etwa Richtung Rifugio Auronzo und weiter zu den Drei Zinnen, oder der bekannte Sentiero per il Lago di Sorapis, eine der spektakulärsten, aber auch anspruchsvollsten Wanderungen der Gegend.
Aktivitäten am Misurinasee im Winter
Im Winter verwandelt sich der Misurinasee komplett. Die Straßen werden ruhiger, die Busse mit Tagestouristen bleiben aus, und der See friert meist komplett zu. Genau dieser gefrorene See war 1956 Austragungsort der Eisschnelllauf-Wettbewerbe der Olympischen Winterspiele von Cortina d’Ampezzo – ein Stück Sportgeschichte, das viele Besucher gar nicht kennen.
Heute gibt es am Ufer eine Eisbahn (bei entsprechenden Bedingungen), und in der unmittelbaren Umgebung findet man das kleine Skigebiet Auronzo-Misurina mit einfachen Pisten, ideal für Familien und Anfänger, weniger für ambitionierte Skifahrer, die eher nach Cortina oder ins Alta Badia fahren sollten.
Wichtig zu wissen: Nicht alle Hütten und Restaurants am See haben im Winter geöffnet. Viele schließen zwischen November und den Weihnachtsferien komplett, öffnen dann wieder für die Wintersaison bis Ostern. Wer im Winter kommt, sollte vorher telefonisch nachfragen – ich habe schon zu viele Gäste erlebt, die vor verschlossener Tür standen.
Wanderungen und Radtouren rund um den See
Der klassische Rundweg um den Misurinasee ist flach, etwa 2,6 km lang und in 45 bis 60 Minuten zu schaffen, je nach Tempo und Fotostopps. Für alle, die mehr wollen, gibt es Anschlussrouten:
- Zum Rifugio Auronzo (2.320 m): Von Misurina mit dem Auto über die Mautstraße erreichbar, von dort aus starten die berühmten Rundwege um die Drei Zinnen
- Zum Rifugio Fonda Savio: Anspruchsvoller Wanderweg mit Höhenmetern, technisch nicht schwierig, aber konditionell fordernd
- Sentiero per il Lago di Sorapis: Der bekannte Weg zum türkisfarbenen Sorapiss-See, technisch einfach markiert, aber mit einer ausgesetzten Passage über eine Drahtseilsicherung, die für Ungeübte und Kinder ungeeignet ist – das steht in keinem Prospekt, aber ich habe schon Leute gesehen, die dort umkehren mussten
Für E-Bike-Fahrer ist die Strecke zwischen Misurina, Auronzo und dem Passo Tre Croci gut ausgebaut, mit moderaten Steigungen und spektakulärer Aussicht. Wer keine eigene Ausrüstung hat, findet in Auronzo mehrere Verleihstationen.
Anreise zum Misurinasee
Mit dem Auto erreicht man den Misurinasee über die Straße SR 48, die Cortina d’Ampezzo mit Toblach im Pustertal verbindet. Von Cortina sind es etwa 25 Minuten Fahrzeit, von Toblach etwa 30 Minuten – beide Strecken sind kurvenreich, aber gut ausgebaut.
Parkplätze gibt es direkt am Seeufer, allerdings kostenpflichtig und in der Hochsaison (Juli/August, mittags) oft komplett belegt. Mein Tipp aus Erfahrung: Wer zwischen 10 und 16 Uhr im August ankommt, sollte mit Wartezeiten rechnen. Wer früh morgens oder am späten Nachmittag kommt, findet fast immer einen Platz.
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Anreise möglich, aber nicht bequem: Es gibt Busverbindungen von Cortina d’Ampezzo und von Dobbiaco/Toblach, allerdings mit begrenzter Taktung, besonders außerhalb der Hauptsaison. Wer flexibel bleiben will, braucht ein Auto oder ein E-Bike.
Beste Reisezeit und Wetter am Misurinasee
Die Hauptsaison liegt zwischen Juni und September, wobei Juli und August die meisten Besucher, aber auch die instabilsten Nachmittage bringen: Gewitter bilden sich hier häufig ab 14, 15 Uhr, besonders im Hochsommer. Wer wandern will, sollte früh starten und spätestens am frühen Nachmittag wieder im Tal sein.
Mein persönlicher Favorit ist die zweite Septemberhälfte: weniger Touristen, stabileres Wetter, und die Lärchen an den Hängen rund um den See färben sich golden. Die Temperaturen tagsüber liegen dann bei angenehmen 10 bis 15 Grad, nachts kann es aber schon deutlich unter null gehen.
Im Winter (Dezember bis März) ist der See meist zugefroren, die Landschaft verschneit und ruhig – aber viele Betriebe haben eingeschränkte Öffnungszeiten, wie bereits erwähnt.

Flora und Fauna rund um den Misurinasee
Die Vegetation rund um den See ist typisch subalpin: Lärchen- und Fichtenwälder dominieren die unteren Hänge, während oberhalb der Baumgrenze Latschenkiefer und alpine Wiesen übernehmen. Im Frühsommer blühen hier Enzian, Alpenrosen und verschiedene Orchideenarten, die unter Naturschutz stehen – bitte nicht pflücken, auch wenn es verlockend aussieht.
Tierisch gesehen sind Murmeltiere in den höheren Lagen rund um den Sorapiss und den Cristallo häufig zu beobachten, besonders am frühen Morgen. Gämsen zeigen sich gelegentlich an den steileren Hängen, und mit etwas Glück hört man den Ruf eines Steinadlers, der über dem Talkessel kreist. Der See selbst beherbergt keine nennenswerte Fischpopulation – ein weiterer Grund, warum er touristisch eher als Fotomotiv denn als Angel- oder Badegewässer funktioniert.
Misurinasee vs. Pragser Wildsee: Ein Vergleich
Die Frage, ob man lieber den Misurinasee oder den Pragser Wildsee besuchen soll, höre ich fast täglich. Beide liegen in den Dolomiten, beide sind fotogen, aber sie unterscheiden sich deutlich:
| Kriterium | Misurinasee | Pragser Wildsee |
|---|---|---|
| Lage | Provinz Belluno, Venetien | Südtirol |
| Höhe | 1.754 m | 1.494 m |
| Bootsverleih | Ja | Ja, sehr bekannt |
| Baden erlaubt | Nein, faktisch nicht üblich | Nein, aber optisch verlockender |
| Touristenandrang | Hoch, aber weniger als Pragser Wildsee | Sehr hoch, oft Zufahrtsbeschränkungen |
| Bergkulisse | Drei Zinnen (Fernblick), Cristallo, Sorapiss | Seekofel |
| Zufahrt in Hochsaison | Frei, aber Parkplatzmangel | Reglementiert, Shuttlebus-Pflicht |
Mein ehrlicher Rat: Wer Ruhe sucht und die Drei Zinnen als Ziel hat, ist am Misurinasee besser aufgehoben. Wer den intensivsten Instagram-Moment will und Wartezeiten in Kauf nimmt, fährt zum Pragser Wildsee. Ich persönlich fahre lieber nach Misurina – aber das ist Geschmackssache, keine objektive Wahrheit.
Ein praktischer Hinweis für die Anreise mit dem Auto: In der Hochsaison sind die Stellplätze schnell belegt. Wo du dein Auto abstellen kannst, was es kostet und wann du ankommen solltest, erfährst du im Beitrag über das Parken am Misurinasee.
Unterkünfte und Restaurants am Misurinasee
Direkt am See gibt es einige Hotels und Pensionen, meist familiengeführt, mit Blick auf den See und die umliegenden Gipfel. Die Auswahl ist überschaubarer als in Cortina d’Ampezzo, was für manche ein Vorteil ist – weniger Trubel, mehr Ruhe abends.
Gastronomisch dominiert die typische Cadorine-Küche: Casunziei (gefüllte Teigtaschen), Polenta mit Wild, und in den höher gelegenen Hütten wie dem Rifugio Auronzo auch einfachere, aber sättigende Berggerichte. Wer ein Feinschmecker-Restaurant sucht, ist eher in Cortina richtig; wer authentisches Bergessen will, ist hier genau richtig.
Häufig gestellte Fragen zum Misurinasee
Liegt der Misurinasee in Südtirol?
Nein. Der Misurinasee liegt in der Provinz Belluno, Region Venetien, nicht in Südtirol. Die Nähe zur Südtiroler Grenze und zum Pustertal führt oft zu diesem Missverständnis.
Wie tief ist der Misurinasee?
Die maximale Tiefe beträgt etwa 5 Meter. Der See ist damit vergleichsweise flach, was ihn auch für die winterliche Vereisung besonders geeignet macht.
Kann man im Misurinasee baden?
Offiziell gibt es keine Badebereiche, und aufgrund der niedrigen Wassertemperaturen (selten über 15 Grad im Hochsommer) machen das auch kaum Besucher. Der See ist als Fotomotiv und Wandergebiet konzipiert, nicht als Badesee.
Ist der Misurinasee im Winter zugefroren?
Ja, in den meisten Wintern friert der See vollständig zu und wurde historisch sogar für Eisschnelllauf-Wettbewerbe der Olympischen Spiele 1956 genutzt.
Wie kommt man ohne Auto zum Misurinasee?
Es gibt Busverbindungen von Cortina d’Ampezzo und Dobiaco/Toblach, allerdings mit eingeschränkter Taktung außerhalb der Hauptsaison. Für maximale Flexibilität empfiehlt sich dennoch ein Auto oder ein E-Bike, besonders wenn man weiterführende Wanderungen zu den Drei Zinnen oder zum Sorapiss-See plant.
Wie weit ist es vom Misurinasee zu den Drei Zinnen?
Mit dem Auto erreicht man über die Mautstraße das Rifugio Auronzo auf 2.320 m in etwa 20 Minuten. Von dort aus ist der bekannte Rundweg zu den Drei Zinnen von Lavaredo in gut zwei bis drei Stunden zu bewältigen, je nach gewählter Route und Kondition.
Fazit: Lohnt sich ein Besuch am Misurinasee?
Ja, aber nicht aus den Gründen, die in den meisten Prospekten stehen. Der Misurinasee ist kein Ort zum Baden, kein Geheimtipp mehr und in der Hochsaison mittags auch kein Ort der Stille. Aber er ist ein perfekter Ausgangspunkt: für den Blick auf die Drei Zinnen, für die Weiterfahrt zum Rifugio Auronzo, für einen ruhigen Morgenspaziergang, bevor die Busse kommen.
Wer flexibel ist – früh kommt, im Spätsommer oder Frühherbst plant, und bereit ist, ein Stück weiterzufahren oder zu wandern – bekommt hier etwas, das viele bekanntere Seen der Dolomiten nicht mehr bieten können: einen Moment, in dem man wirklich allein mit den Bergen ist. Ich fahre seit 20 Jahren hier vorbei, und dieser Moment am frühen Morgen, wenn der Nebel vom Wasser steigt und noch niemand da ist, hat sich für mich nie abgenutzt.

